Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft

 

TIA

Einrichtung einer ambulanten TIA-Spezialeinheit mit Rund-um-die-Uhr-Service (SOS-TIA) – Machbarkeit und Effekte

Lavallée PC et al. Lancet Neurology 2007;6:953-60.

Hintergrund

Diagnostik und Behandlung von Patienten mit cerebraler oder retinaler TIA erfolgen häufig verspätet, da es an geeigneten Einrichtungen mit den Möglichkeiten zur sofortigen Evaluation mangelt. Die Studie untersuchte die Auswirkungen einer unmittelbaren Abklärung von TIA-Patienten auf den klinischen Entscheidungsprozess, die Dauer der stationären Behandlung und die Schlaganfallhäufigkeit.

Methodik

Im Rahmen des SOS-TIA Projektes wurde eine Krankenhaus-basierte Spezialeinheit mit 24-stündiger Bereitschaft eingerichtet, in welcher Patienten mit plötzlicher retinaler oder cerebraler Symptomatik (vermutlich) ischämischer Genese und kompletter Rückbildung untersucht wurden. Die Evaluation umfasste, neben der klinisch-neurologischen Untersuchung, eine cerebrale Bildgebung (CCT 82%, MRT 78%, MRT/DWI 21%), Duplex und TCD der hirnversorgenden Gefäße, Labortests sowie ein EKG; bedarfsweise erfolgten zudem echokardiografische Untersuchungen (TTE, TOE). Die wichtigsten Informationen zur TIA und die gebührenfreie Telefonnummer der Spezialeinheit wurden auf einem Merkblatt an 15.000 Allgemeinärzte, Kardiologen, Neurologen und Ophthalmologen in Paris und seiner Verwaltungsregion verschickt. Die ermittelte Schlaganfallrate wurde mit der auf Basis einer Risikoskala (ABCD²) zu erwartenden Inzidenz verglichen. Der durch Telefoninterview ermittelte primäre Endpunkt war Schlaganfall binnen 90 Tagen.

Ergebnisse

Zwischen Januar 2003 und Dezember 2005 wurden 1085 Patienten mit vermuteter TIA evaluiert, davon 574 (53%) innerhalb von 24 h nach Symptombeginn. Bei 701 (65%) Patienten wurden eine TIA oder ein leichter Hirninfarkt (minor stroke) bestätigt, in 144 (13%) Fällen eine TIA für möglich gehalten. Bei 108 von 643 Patienten mit bestätigter TIA wurden cerebrale Läsionen bildgebend nachgewiesen. Die Dauer der Symptomatik betrug im Median 15 min (IQR 5–75 min). 277 (26%) der vorgestellten Patienten wurden aufgrund eines hohen Infarktrisikos sofort in die Stroke Unit eingewiesen (mittlere Verweildauer [VWD] 4 Tage), 808 (74%) der Patienten am 1. Tag wieder aus der Spezialeinheit entlassen. Die mittlere VWD für alle Patienten betrug 1 Tag (vs. 6,8 Tage bei Pat. mit TIA in anderen Pariser Krankenhäusern). Bei allen Patienten mit bestätigter oder möglicher TIA wurden unmittelbar sekundärpräventive Maßnahmen eingeleitet. So erfolgte u.a. bei 43 (5%) eine sofortige Revaskularisierung an der Carotis, 44 (5%) Patienten wurden wegen Vorhofflimmerns antikoaguliert. Die Schlaganfallrate nach 90 Tagen betrug 1,24% (95% CI 0,72–2,12) gegenüber einer aufgrund des ABCD² Scores zu erwartenden Rate von 5,96%.

Conclusion

Im Vergleich zum erwarteten Risiko lassen sich durch eine TIA-Spezialeinheit mit 24-h-Service und sofortiger Einleitung sekundärpräventiver Maßnahmen das Hirninfarktrisiko und die VWD deutlich reduzieren.

Kurzkommentar

Wesentlicher Schwachpunkt der Studie ist das Fehlen einer randomisierten Kontrollgruppe. Dennoch zeigen die Ergebnisse, die wenig später durch die EXPRESS Studie (s. dort) bestätigt wurden, dass sich mittels des in Deutschland bereits besser etablierten Konzeptes einer raschen Evaluation von TIA-Patienten auf einer Stroke Unit Schlaganfälle verhindern lassen.